The quiet and what happens at once
Eröffnung: 8. November 2026 16:00.
9. November bis 11. Dezember 2026


Screening of Bruce Lee’s Fist of Fury at Odeon Hounslow, London, 18 December 1973,
archival pigment print, 52 x 82 cm, 2023 © Leung Chi Wo
Between that sky and this one
The quiet and what happens at once / von Almut Rink und Leung Chi Wo
von Natalia Gurova
Zwischen jenem und diesem Himmel liegen 50 Jahre, auch wenn man es ihm nicht gleich ansieht. In der Ausstellung The quiet and what happens at once begegnen sich Almut Rink und Leung Chi Wo – zwei Künstler:innen, die sich auf den ersten Blick in völlig unterschiedlichen Dimensionen zu bewegen scheinen.
Mit Performances, Interventionen im öffentlichen Raum und der Arbeit mit dem Körper spricht Rink weniger über Politik, als dass sie einen politischen Akt schafft und durchlebt. Ihre auf Papier mit Tusche und Alkohol ausgeführte Zeichnungsserie INFUSIONS erlaubt dem Material selbst zu agieren und Körperwissen, den Moment und die Geste als Spur von Präsenz anzuerkennen, um eine körperlich-sinnliche Erfahrung gleichberechtigt neben kognitives Denken zu stellen und die Art, wie wir zueinander in Beziehung treten, zu transformieren.
In ihrer künstlerischen Praxis und Forschung bezieht sich Rink auf Denktraditionen und historische Gestaltungssysteme, darunter auch auf das asiatische Prinzip der Acht Ansichten. Auch Hokusais Serie 36 Ansichten des Berges Fuji geht auf diese Tradition zurück. Es geht dabei weder um Himmelsrichtungen noch um mathematische Berechnungen, sondern um Möglichkeiten, ein und dasselbe aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten: Tag und Nacht, Mensch und Pflanze, das Spirituelle und das Materielle. So lässt sich ein Spektrum von Erscheinungen vervielfachen, auch um Raum für Ambivalenzen zu öffnen.
Bei unserem Treffen spricht Almut Rink über den Künstler und Malereitheoretiker Shitao aus dem 17. Jahrhundert. Er beschrieb die Bewegung des Pinsels als etwas, das mit einem universellen Atem verbunden ist. Wir schreiben, wie wir atmen. Rink denkt darüber nach, wie sich diese Idee in eine zeitgenössische Praxis des Zeichnens übertragen lässt – hier und jetzt. Sie beginnt in einer Frage mit minimalen Eingriffen, lässt den Dingen ihren Lauf, beobachtet das Verhalten der Materialien und versucht, im richtigen Moment aufzuhören, anstatt den Prozess vollständig zu kontrollieren.
Man kann über die Zeit sprechen, in der man lebt, oder sich mithilfe von Zeitungsausschnitten und privaten Archiven an die Vergangenheit erinnern.
Man kann sich Ereignisse ins Gedächtnis rufen und versuchen, sich daran zu erinnern, was man an jenem Tag getan hat, als …
Man ging Brot kaufen, verschüttete heißen Tee über die neue Hose, verpasste einen Zug, weil man sich verliebt hatte.
Man kann ein wichtiges Datum aus dem Kalender nehmen und auf die Straße gehen, genau den Ort finden, an dem dieses Datum einst wichtig wurde, die Kamera heben und den Himmel über sich fotografieren.
Erinnerung ist eine Form des persönlichen Widerstands gegen die Geschichte. So beschreibt der Hongkonger Künstler Leung Chi Wo seine Haltung. In Wien zeigt er zehn Arbeiten aus seiner fortlaufenden Serie the Date Series, in der sich bedeutende historische Ereignisse – etwa die Proteste und Unruhen von 1967 in Hongkong – eng mit auf den ersten Blick zufälligen Begebenheiten aus dem Alltag der Stadt verweben. Gerade diese paradoxe Verbindung hinterlässt das Gefühl, etwas Wichtiges über dieses Leben verstanden zu haben – und zugleich etwas, das sich nicht ganz greifen lässt.
Almut Rink beginnt mit einer Frage und lässt sich in radikaler Offenheit überraschen, wohin sie führen wird. Die Tusche breitet sich aus, das Papier wirft Falten; die Zeichnung braucht Zeit, um Gestalt anzunehmen. Leung Chi Wo hingegen tritt mit seiner Kamera in das Archiv hinein – an einen konkreten Ort, zu einer konkreten Zeit – und findet sich in einem Feld unendlicher Fakten wieder, in dem ihm immer wieder der Zufall und die Unmöglichkeit begegnen, ein vollständiges Bild der Vergangenheit zu rekonstruieren.
An einem bestimmten Punkt treffen sich die Ansätze der beiden Künstler:innen, als würden sie zu einem Echo des jeweils anderen. Bewegung schafft eine Situation, die Situation wird zum Fakt, Fakten werden zu Geschichte, und unser Verhältnis zu ihr wird zur Erinnerung.
Doch zwischen dem Himmel von gestern und dem Himmel von heute können 50 Jahre liegen. Auch wenn man es ihnen nicht gleich ansieht.
Als wäre all das gleichzeitig geschehen.
Biografien
Almut Rink in Erfurt, Deutschland, geboren, lebt und arbeitet in Wien und Niederösterreich.
Ihre interdisziplinäre Praxis ist geprägt von der Frage, wie Individuen und Gemeinschaften durch Begegnung über festgefahrene Selbstbilder hinauswachsen können. Indem sie in den Bereichen Skulptur, Zeichnung, Performance, Video und kuratorische Formate arbeitet, entwickelt sie interkulturelle Ansätze, die sinnliche Erfahrung mit kognitiver Reflexion verbinden.
Ihre Projekte nutzen häufig den öffentlichen Raum als Ort gemeinsamer Auseinandersetzung und kollektiver Transformation. Anhand künstlerischer Praxis untersucht sie, wie verbale und nonverbale Bedeutung gemeinsam geschaffen wird und wie neue Formen der Gegenseitigkeit, des Mitgefühls und der gegenseitigen Selbstbestimmung jenseits fester Identitäten und Grenzen entstehen können.
Als Projektleiterin des Forschungsprojekts Orientation as Gardening (Akademie der bildenden Künste Wien) untersuchte sie Orientierung als relationale und verkörperte Praxis – entwickelt durch künstlerische Forschung in Tokio, London und Wien.
Die Publikation “On Orientation” vertieft dies als ästhetische, soziale und philosophische Praxis.
Leung Chi Wo wurde in Hongkong geboren, lebt und arbeitet in London.
Er ist Mitbegründer des Kunstraums Para/Site Hong Kong und hat international ausgestellt, darunter auf den Biennalen in Venedig, Shanghai und Gwangju, im Queens Museum of Art in New York, im Museu da Imagem e do Som in São Paulo, in der Tate Modern in London und im Museum of Contemporary Art in Shanghai.
Die Serie „Date“ begann 2017 mit Leung Chi Wo’s Besuchen an den Orten der Bombenanschläge von 1967. Am selben Tag, am selben Ort, genau fünfzig Jahre später, richtet der Künstler die Kamera gen Himmel und fängt den Himmel in Schwarzweiß ein. Die Serie entwickelt sich zu einer fortlaufenden Auseinandersetzung mit Nachrichtenarchiven über Gewalttaten – von Bombenanschlägen über häusliche Konflikte und sexuelle Übergriffe bis hin zu Bandenkämpfen. Die Sammlung dieser Ereignisse ist zu einem sozialen Tagebuch mit persönlicher Note geworden, wenn der Künstler die Orte der Gewalt erneut besuchen kann. Bei der Benennung der Bilder wählte Leung zivile und persönliche Ereignisse, die sich am Tag des Verbrechens ereignet hatten, und rückt so das Nebeneinander flüchtiger, aber bedeutsamer Zeitebenen in den Vordergrund, auf die ebendiese Bilder verweisen. Durch Vieldeutigkeit und Polyphonie systematisiert Leung die Betrachtung und Konzeption zweier Arten von Parallelwelten: einer zeitlich synchronen, aber räumlich distanzierten und einer zeitlich getrennten, aber räumlich vereinten.
Natalia Gurova, in Belarus geboren, lebt und arbeitet seit 2014 in Wien als bildende Künstlerin und Verfasserin von Texten. Sie schreibt Geschichten und Gedichte die unter anderem bei, wie folgt, veröffentlicht wurden: kupf.at, Kiosk, Hugo Zorn, springerin, OSZE, Office Ukraine.
Von 2018 bis 2025 studierte sie Objekt-Bildhauerei an der Akademie der bildenden Künste Wien bei Julian Goethe. Für ihr Diplomprojekt erhielt sie den Würdigungspreis der Akademie. Ihre Werke wurden unter anderem bei der Vienna Art Week, der Vienna Design Week, der wienwoche, bei Parallel Vienna, im Österreichischen Kulturforum London, im Queer Museum im Österreichischen Museum für Volkskunde, im Belvedere 21 sowie im musa (Wien Museum) ausgestellt.
English
Between that sky and this one
The quiet and what happens at once / by Almut Rink and Leung Chi Wo
by Natalia Gurova
Fifty years lie between that sky and this one, though you wouldn’t know it just by looking. The Quiet and What Happens at Once brings together Almut Rink and Leung Chi Wo, two artists who, at first glance, seem to work in entirely different dimensions. Through performance, interventions in public space, and work with the body, Rink does not so much speak about politics as create and inhabit a political act. Her series of drawings INFUSIONS, made on paper with ink and alcohol, is about allowing the material to act, while acknowledging bodily knowledge, the moment, and the gesture as traces of presence—thereby placing a physical, sensory experience on equal footing with cognitive thought and transforming the way we relate to one another.
In her artistic practice and research, Rink draws on artistic traditions and historical composition systems, including the Asian principle of the Eight Views. Hokusai’s series Thirty-six Views of Mount Fuji, for example, emerged from this tradition. These are not points of the compass, nor a mathematical calculation, but different ways of looking at the same thing: day and night, human and plant, the spiritual and the material. Together, they allow for a broad spectrum of phenomena to come into view, also to open up space for ambivalence.
During our conversation, she speaks about the seventeenth-century artist and painting theorist Shitao. He described the movement of the brush as something connected to a universal breath. We write as we breathe. Rink began to wonder how this idea might be translated into a contemporary practice of drawing — here and now. She begins with a question, making minimal interventions, letting things take their course, observing the behaviour of the materials, and trying to stop at the right moment rather than fully controlling the process.
You can speak about the time you live in, or you can remember the past through newspaper clippings and family archives.
You can recall events and try to remember what you were doing on the day when…
You went out to buy bread, spilled hot tea on your new trousers, missed a train because you fell in love.
You can take an important date from the calendar and step outside, find the very place where that date once became important, raise your camera, and photograph the sky above.
Memory is a form of personal resistance to history. This is how Hong Kong artist Leung Chi Wo describes his position. In Vienna, he presents ten works from his ongoing the Date Series, in which significant historical events — such as the protests and riots of 1967 in Hong Kong — become closely intertwined with seemingly random facts from the city’s everyday life. It is precisely this paradoxical conjunction that leaves you with the feeling that you have understood something important about this life, and yet something that remains elusive.
Almut Rink begins with a question and, with radical openness, allows herself to be surprised by where it will lead her. The ink spreads, the paper wrinkles; the drawing needs time to take shape. Leung Chi Wo, by contrast, steps with his camera into the archive — into a specific place at a specific time — only to find himself in an endless field of facts, where chance and the impossibility of reconstructing a complete picture of the past keep revealing themselves.
At some point, the two artists’ approaches meet, as though becoming echoes of one another. Movement creates a situation, a situation becomes a fact, facts become history, and our relationship to history becomes memory.
But fifty years can pass between yesterday’s sky and the sky today. You wouldn’t know it just by looking.
As if it all happened at once.
Biographies
Almut Rink, born in Erfurt, Germany, lives and works in Vienna and Lower Austria.
Her interdisciplinary practice is shaped by the question of how individuals and communities can transcend entrenched self-images through encounter. Working across the fields of sculpture, drawing, performance, video, and curatorial formats, she develops intercultural approaches that combine sensory experience with cognitive reflection.
Her projects frequently utilize public space as a site for shared engagement and collective transformation. Through her artistic practice, she explores how verbal and nonverbal meaning is co-created and how new forms of reciprocity, empathy, and mutual self-determination can emerge beyond fixed identities and boundaries.
As project director of the research project “Orientation as Gardening” (Academy of Fine Arts Vienna), she explored orientation as a relational and embodied practice—developed through artistic research in Tokyo, London, and Vienna.
The publication “On Orientation” delves deeper into this as an aesthetic, social, and philosophical practice.
Leung Chi Wo was born in Hong Kong, lives and works in London.
He is co-founder of Para/Site Art Space, has exhibited internationally, including biennales in Venice, Shanghai and Gwangju, Queens Museum of Art in New York, Museu da Imagem e do Som in São Paulo, Tate Modern in London and Museum of Contemporary Art in Shanghai.
The Date Series began in 2017 with Leung Chi Wo’s visits to the locations where bomb attacks once took place during the 1967 riots. On the same date, at the same location, exactly fifty years later, the artist turns the camera skyward and captures the sky with black and white film.
The series evolves into an ongoing reading of news archive of violent events from bombing to domestic conflicts, sexual assaults and gang fights and the collection of these events have become a social diary with a personal touch when the artist was able to revisit the sites of violence.
In naming the images, Leung chose civil and personal events that happened on the day of the crime, bringing to the forefront coexistences of ephemeral yet notable timelines referenced by the very same images. Through polysemy and polyphony, Leung systematizes the contemplation and conception of two kinds of parallel worlds: one temporally synchronous but spatially distant, another temporally distinct yet spatially unified.
Natalia Gurova, born in Belarus, has been living and working in Vienna since 2014 as a visual artist and writer. She writes stories and poems that have been published in the following outlets, among others: kupf.at, Kiosk, Hugo Zorn, springerin, OSCE, and Office Ukraine.
From 2018 to 2025, she studied object sculpture at the Academy of Fine Arts Vienna under Julian Goethe. She received the Academy’s Honorable Mention Award for her diploma project. Her works have been exhibited at Vienna Art Week, Vienna Design Week, wienwoche, Parallel Vienna, the Austrian Cultural Forum in London, the Queer Museum at the Austrian Museum of Folk Life and Folk Art, Belvedere 21, and musa (Vienna Museum), among other venues.